Ich bin eine Wurlawa

Sarah Gwiszcz gründete 2014 ihr eigenes Mode-Label. Die studierte Designerin ist im Spreewald geboren und aufgewachsen. Der wendischen Tradition verbunden, lag für Sarah Gwiszcz nichts näher, als Ihr Label nach den „Wurlawy“ zu benennen. Diese sagenhaften Waldfrauen begleiten die Spreewälderin nun schon einige Jahre auf ihrem unternehmerischen Weg. Und der ist sehr erfolgreich. Sarah Gwiszcz verbindet in ihrer Mode modernes Design mit den traditionellen Elementen der wendischen und sorbischen Tracht.

Sarah Gwiszcz

Was ist für Sie Heimat?

Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Sagt man so. Bei mir gehört aber der Ort unbedingt dazu. Ich lebe in Ragow bei Lübbenau. Das ist mein Heimatort. Dort ist mein Zuhause. Ich lebe und arbeite hier im Spreewald. Ich bin hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Überall hier ist meine Heimat.

Sie sind sorbisch, weil…?

Weil ich aus der Niederlausitz bin, würde ich lieber sagen: Ich bin wendisch. Und das bin ich, weil meine Ur-Ur-Großmutter noch fließend wendisch gesprochen hat. In meiner Familie wurde die Sprache dann leider nicht mehr gepflegt. Wendisch war durch die Nazis verboten worden. Damals ist sogar der Begriff Spreewald-Tracht aufgekommen. Damit wollte man die Bezeichnung sorbische oder wendische Tracht vermeiden. Dass ich jetzt Trachtenelemente in meiner Mode aufgreife verstehe ich auch als Reminiszenz an meine Herkunft.

In welcher Sprache träumen Sie?

Wie bei mir, ist bei vielen das Wendische nicht mehr muttersprachlich vorhanden. Ich selbst mache gerade einen Sprachkurs. Ich möchte wieder ein Gefühl für die Sprache bekommen. Wenn ich das sorbische Radio anstelle, verstehe ich zwar schon ungefähr, worum es geht. Vielleicht kann ich auch irgendwann mal ein paar Sätze sprechen. Das Wendische ist durch die Orts- und Straßenschilder noch allgegenwärtig. Aktiv sprechen können im Spreewald allerdings zurzeit nur noch wenige. Vielleicht entwickelt sich das wieder. In den Schulen wird der Sprachunterricht ja angeboten.

Welches ist Ihr sorbisches Lieblingslied?

Ein direktes Lieblingslied habe ich nicht. Ich singe ab und zu mal ein paar Volkslieder oder zu Weihnachten eben Weihnachtslieder. Wenn man hier lebt, hat man natürlich Kontakt zu verschiedenen wendischen Traditionen, wie zum Beispiel dem Zapust, der wendischen Fastnacht. Das ist wie ein Trachtenumzug mit anschließendem Tanz.

Wie sind Sie zur Mode-Designerin geworden?

Schon als Kind wollte ich Künstlerin werden. Später wurde es dann konkreter. Ich war in der Punk-Szene unterwegs, hatte also mit Trachten gar nichts am Hut. In der Abitur-Zeit entwarf ich meine Sachen schon selbst. Also ging ich nach Berlin, um Modedesign zu studieren. Ich war nie der Typ, der in die große weite Welt wollte. Da kam es mir zupass, dass Berlin quasi vor der Haustür liegt.

Und die Trachten?

Beim Studium beteiligte ich mich 2010 an dem Projekt „sorbisch modern“. Wir haben Mode entworfen für junge Sorbinnen und Sorben. Erst bei der Beschäftigung mit dem Thema ist mir bewusst geworden, wie groß der Reichtum der wendischen und sorbischen Trachten überhaupt ist. Die Trachten unterscheiden sich teilweise ja sogar von einem Ort zum nächsten. Für uns im Spreewald sind besonders die riesigen Hauben charakteristisch. Ich habe mich sofort in den Blaudruck verliebt. Ich entwerfe keine moderne Tracht, sondern von Tracht inspirierte Mode. Meine Idee war immer, ein Stücken Tracht in den Alltag zu holen. So hat man eben auch ein Stückchen Heimat dabei, ohne sich in die Tracht zwängen zu müssen.

Warum der Spreewald?

Wo sonst? Hier liegen meine Wurzeln und die Wurzeln meiner Mode. Gleich nach dem Studium bin ich wieder in den Spreewald zurückgekehrt. Für ein Folgeprojekt von „sorbisch modern“ entstandenen Schnitte und Kleidungsstücke, mit denen ich den Grundstein für mein eigenes Label legte. 2014 habe ich mich selbstständig gemacht. Nach meinem Debüt auf der Fashion Weeck 2015 war die Nachfrage sehr groß. Ich brauchte also einen Laden mit Atelier. Tja, und nun befindet sich mein Geschäft seit 2019 mitten in der Altstadt von Lübbenau. Inzwischen habe ich auch zwei Angestellte, weil ich allein die Aufträge nicht bewältigen könnte.

Wann sind Sie glücklich?

Ich bin glücklich in meinem Leben. An erster Stelle stehen für mich die Familie und mein Mann. Dann natürlich mein Zuhause und meine Heimat. Und geschäftlich würde ich alles wieder genauso machen – nur etwas schneller und größer. Für mich ist Glück, dass hier alles so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Dass der Laden läuft, und dass ich davon leben kann.

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In ihrem geliebten Spreewald gründete Sarah Gwiszcz 2014 ihr eigenes Modelabel „Wurlawy“, was so viel wie „wilde Spreewaldfrauen“ bedeutet.

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